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Realitätenvermittler in der Junk-Bond-Abteilung
oder wenn Soljanka verkaufsfähig wird
"Jetzt kommt der Topscorer der vergangenen
Saison." (Olaf Hilbig)
"Christof, bei dir ist es zu krass,
du musst etwas kundenfreundlicher spielen." (Peter
Luban)

Es gab Zeiten, und so lange sind sie
noch nicht vorbei, da ließen sich Banker von Barleuten
Drinks mit Goldstaub und potenzsteigernden Kräutern
mixen das Glas für umgerechnet 5.000 Euro.
Yachten ohne Helikopterlandeplatz galten als unbequem
und Ferienhäuser in der Toskana wurden für
Millionen gekauft, nachdem die Interessenten sie einmal
besichtigt hatten virtuell im Internet, denn
für Realitätssinn ist Zeit anscheinend viel
zu kostbar, nicht aber für die Inszenierung des
Anscheins, der Vortäuschung falscher Tatsachen.
Keller wurden vergrößert, weil ein Schwimmbad
nicht mehr schick genug war, denn es musste auch noch
ein Sprungbrett installiert werden. Einen Ort, an dem
Eigentümer und Betreiber schon immer gern kaufmännisch
wie ästhetisch gegen die Wand gesprungen sind,
und das mit voller Wucht, findet man im Plauener Stadtzentrum,
unmittelbar hinter dem Theater. Ungezwungen und natürlich
ist hier kaum etwas. Das Hotel mit angeschlossenem Restaurant,
einer bayrischen Wirtshausimitation, erinnert an einen
bunt bemalten Schuhkarton, seine Architektur ist eine
einzige Zwangsvorstellungsharmonie, eingesperrt vom
Faschistoiden im rechten Winkel. Die Küche
des Hauses präsentiert sich als Illustration zwischen
Anspruch, Anmaßung und daraus abgeleitetem Drang
zur Nötigung. Das engagierte Personal meint es
stets gut und macht es doch, in seiner steifen Wachsfigurenart,
von der Ahnungslosigkeit getrieben, meistens schlecht.
Wenn ein Garnelenspieß etwas über drei Euro
kostet, zwei davon aber ungefähr zehn Euro, so
wird der nachfragende Gast auch noch mit allerlei ohnmächtiger
Erklärungsnotdurft bekleckert, dass nämlich
beim einfachen Garnelenspieß zusätzlich
noch ein Salat serviert werde. Aha. Wer beim Eintritt
in die räumliche Leere noch nicht gefröstelt
hat, der wird spätestens jetzt von der geistigen
Verdunklung kalt erwischt.
Vielleicht liebäugelten die Leipziger
Dauergäste, die Schachfreunde Leipzig-Südost,
gerade aus diesem Grund wiederum eher mit dem Schnitzelparadies,
auch wenn sie bei Bett und Frühstück
vom Dormero nicht lassen können. Jenes gemeinsame
Wohlfühlprogramm gehört vor dem Punktspieltag
zu ihrer Standortbestimmung und wird beständig
zelebriert wie ein Ritual. Die anderen müssten
auch gleich kommen, die sitzen bestimmt noch beim Frühstück,
die haben doch wieder alle hier übernachtet.
Sven Kreigenfeld konnte sich als Einziger von alledem
entziehen und fühlte sich trotzdem nicht wohl.
Im Moskauer System war ihm die genaue Theorie entfallen.
Lion Pfeufer hatte mit Schwarz leichtes Spiel, schon
in der Eröffnung frühen Ausgleich zu erreichen,
und sogar ein bisschen mehr. Insofern willigte er in
unbedrängter Position und mit riesigem Zeitvorsprung
ziemlich voreilig ins Remisangebot seines Gegners ein.
Kurz zuvor hatte auch Christian Hörr gerade den
Punkt geteilt. In einer Nebenvariante der Sweschnikow-Verteidigung
stand er immer unter strenger Beobachtung, hielt aber
den skeptischen Blicken der Kiebitze bravourös
stand. Mit dieser sizilianischen Spezialität unterzog
er sich überhaupt erst zum zweiten Mal einem Praxistest.
Auch an den anderen Brettern wurde bei der Eröffnungswahl
variiert bis geneuert. Andreas Götz entdeckte beispielsweise
seine alte Aljechin-Liebe früherer Tage wieder,
und Olaf Hilbig sah sich mit dem Jänisch-Gambit
konfrontiert, eine unangenehme Eröffnung, wenn
auf der Suche nach dem verlorenen Selbstbewusstsein
außerdem am Brett gleichzeitig die richtigen Züge
wiedergefunden werden müssen. Aber das Repetieren
geeigneter Züge schien Olaf Hilbig zu gelingen,
die sofortige Stabilisierung des Punktes e4 und die
danach bessere Bauernstruktur verschafften ihm einen
anhaltenden Vorteil, und bei Andreas Götz waren
es bereits zwei wichtige Mehrbauern, die ihm Kontrolle
über das Spielgeschehen gaben. Nebenan bei Sergej
Lozovoy brannte es schon wieder seit Eröffnungsbeginn,
aber dieses Mal war nicht er der Feuerteufel, sondern
dessen Gegner, David Toumanski, der mit dem Sizilianischen
Gambit das Brett unter Feuer setzte. Mit einem Doppelschlag
setzten sich die Plauener bald 3:1 ab. Andreas Götz
entschied seine Partie bei vollem Brett im Mittelspiel,
während Sergej Lozovoy erst einige Störenfriede
vom Brett räumen musste, um schrittweise den Gambitbauern
zu behaupten, bis es ihm schließlich gelang, in
ein siegreiches Turmendspiel abzuwickeln. Dafür
griff Olaf Hilbig mit Schmackes unachtsam in die Mülltonne.
Dabei hatte er den erwarteten Punkt insgeheim schon
als tatsächlichen verbucht. Als er jedoch eine
ungedeckte Leichtfigur für einen Augenblick unbeaufsichtigt
ließ, kollidierten plötzlich Wunsch und Wirklichkeit.
Wenige Züge später musste er die Partie aufgeben.
Den Ruhepol bildete Mathias Paul. Nach 1.d4 hatte er
im späteren Verlauf allenfalls einen Minivorteil
herausgeholt. Ein wenig wurde laviert, dafür viel
mehr die Stellung vereinfacht. Keine Aufregung bis zum
risikogerechten Unentschieden. Das zeugte von zurückgewonnener
Solidität, die den Grundstein für ein überzeugendes
Mannschaftsergebnis legte. Beim Zwischenstand von 3½:2½
liefen ja noch die beiden aussichtsreichen Weißpartien
am vierten und achten Brett.
Dass für Caro-Kann mit Weiß
die Bauern auf c3 und d4 gehören, darauf verwies
schon Mathias Paul vor Spielbeginn, und genau das schien
Etienne Engelhardt tatsächlich vorführen zu
wollen. Doch da hatte er sich schon vom Alapin verabschiedet
und war auf französisches Terrain ausgewichen.
Dieser während der Eröffnung eingeleitete
Rhythmuswechsel schien seinem Gegner, Jens Stöckel,
ganz und gar nicht zu behagen, und in jenem Unwohlsein
ließ er ihn bis zum bitteren Partieende. (Nach
dem bereits zweiten Saisonsieg führt Etienne Engelhardt
unverhofft in der Rangliste der so genannten Topscorer.)
Thomas Filipiak fand mit Schwarz ebenfalls keine Freude.
Der Neuzugang bei Leipzig-Südost (vorher Allianz
Leipzig) wurde von Christof Beyer strategisch so lange
gegrillt, bis das Schmerzempfinden verloren ging, so
dass die Leipziger Gäste auffällig mit den
Füßen scharten, und also wenigstens um einen
Hauch kundenfreundlicher Gnade baten, die restliche
Zeit vor dem Kontrollzug schon für die Heimfahrt
verwenden zu dürfen. 5½:2½
so hoch hatten die Plauener Könige noch nie gegen
Leipzig-Südost gewonnen. Dieser Erfolg war gleichzeitig
eine Revanche für die Niederlage in der vergangenen
Saison.

Ungewohnter Damenbesuch.
29. e4! Der eingesperrte schwarze
König wird von der weißen Lady auf h3 mattgesetzt.
10
In einem anderen betonierten rechten
Winkel, im Best Western Hotel, nur ein paar hundert
Meter vom Garnelenspieß und Schnitzelglück
entfernt, besteht man die Zwischenprüfung als Kochlehrling
im zweiten Ausbildungsjahr dann, wenn die Soljanka verkaufsfähig
ist. Schmecken muss sie nicht, denn nicht umsonst warnt
das Hotelrestaurant am Straßberger Tor in eigener
Sache: Gastronomie ist für alle da. Ein
bisschen hiervon und ein bisschen davon. Mediterran-leichte
und vogtländisch-deftige Küche. Am
Ende nichts von beidem. Planlos, ahnungslos und ohne
Gefühl. Dann ist Rettung nur noch mit etwas möglich,
das von Bankern gern als Leerverkauf bezeichnet wird,
indem man also etwas verkauft, was man selbst noch nicht
besitzt, in diesem Fall die eingebrockte Suppe, bevor
man sie auslöffeln muss. Denn seit der Goldpreis
steigt, wird wieder mehr Öl genommen und mit Wasser
gekocht.
SK König Plauen
II
|
|
SF Leipzig-Südost
|
5½
|
:
|
2½
|
Pfeufer,
Lion |
2031
|
|
Kreigenfeld,
Sven |
1980
|
½
|
:
|
½
|
Paul,
Mathias |
2139
|
|
Alf,
Michael |
1991
|
½
|
:
|
½
|
Lozovoy,
Sergej |
1995
|
|
Toumanski,
David |
1923
|
1
|
:
|
0
|
Beyer,
Christof |
2049
|
|
Filipiak,
Thomas |
1916
|
1
|
:
|
0
|
Götz,
Andreas |
2066
|
|
Frowitter,
Jörg |
1888
|
1
|
:
|
0
|
Hilbig,
Olaf |
2013
|
|
Altmann,
Jens |
1908
|
0
|
:
|
1
|
Hörr,
Christian |
1858
|
|
Haerdle,
Benjamin |
1864
|
½
|
:
|
½
|
Engelhardt,
Etienne |
1860
|
|
Stöckel,
Jens |
1853
|
1
|
:
|
0
|
|
|