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LITERATUR
22. September 2006

Bertina Henrichs: Die Schachspielerin

Nur das Schachbrett ist wirklich.
Alles andere ist bloßer Schein.

 

Manchmal sind es die unscheinbaren Begebenheiten, die kleinen Zufälle des Daseins, die einen Lebensweg umbiegen, ein scheinbar unabänderliches Schicksal ändern. Niemand wußte das besser als die alten Griechen. So geschah es auch Eleni, einer unauffälligen, ganz gewöhnlichen Frau, als sie beim Saubermachen aus Versehen eine Schachfigur umstieß. Eleni ist 42, hat Mann und Kinder und es nie weiter gebracht als zur "Putze" in einem Hotel auf der Sonneninsel Naxos in Griechenland. Kinder versorgen, Essen kochen und tagsüber 20 Räume, vierzig Betten und achtzig Handtücher, so sieht ihr Alltag aus, aus dem sie auch nicht ausbrechen will. Sie ist zufrieden!

Oder doch nicht? Wie lässt sich denn erklären, dass eine einzige umgestoßene Schachfigur das Lebensgebäude zum Einsturz bringt? Sie kann doch noch nicht einmal Schach spielen, weiß nicht mal, wohin die Figur zu stellen ist. Und doch lässt sie dieses Spiel nun nicht mehr los, instinktiv, wie fast alles an ihr, fühlt sie sich zu ihm hingezogen, schenkt es dem Ehemann zum Geburtstag, um selbst in seine Geheimnisse einzutauchen. Das erweist sich als zu schwer, immerhin hat sie seit 20 Jahren nicht mehr richtig gedacht. Ihr alter Lehrer, der Dorfphilosoph und Einzelgänger, hilft ihr und entdeckt bald eine gewisse Begabung. Aber die neue Leidenschaft kollidiert mit ihren alten Gewohnheiten: Bis hierher bestand ihr, bestand aller "Leben aus Wiederholung mit Variationen. Aber das Gleichbleibende überwog bei weitem die Veränderung". Dass eine ganz normale Haus- und Putzfrau sich plötzlich des Königlichen Spiels annimmt, ist die unerhörte Begebenheit des Büchleins, weniger ein Roman denn eine Novelle. Daraus ergeben sich alle Verwicklungen, die Heimlichkeiten vor dem Ehemann, die Entfremdung der Eheleute, die Eifersucht, die Verunsicherung der Dorfgemeinde, die Entdeckung der fast körperlichen Faszination des Schachs – "Jedes Mal, wenn sich Eleni vor das Schachbrett setzte und die beiden Armeen aufstellte, verspürte sie ein Ziehen im Unterleib". Ja, Bertina Henrichs hat ein sehr feminines Buch, an einigen Stellen sogar ein feministisches geschrieben, dessen größte Stärke in der Sophia, der weiblichen Weisheit liegt. So unauffällig kommt sie daher, so defensiv, zurückhaltend, weiblich eben, dass man sie sogar überlesen könnte, wenn man nicht aufmerksam ist. Eleni selbst ist gar nicht in der Lage ihre neuen Gefühle, sowohl das Schach als auch ihr Frausein betreffend, zur Sprache zu bringen, weshalb die Erzählerin in eintönigem Redestrom diese Aufgabe übernimmt. Dabei geht sie vielleicht ein, zwei Mal zu weit, hätte auf Vertiefungen verzichten können, aber für eine literarische Debütantin – sieht man von einigen Stilblüten oder übersetzerischer Grobheiten ab – ist das schon recht gut geschrieben. Es steckt etwas von sapphischer Weisheit in diesem ruhigen Erzählstrom. Bescheidenheit regiert auch auf der schachlichen Ebene, denn das Königliche Spiel, dessen Genie "offenbar irgendwo in den Hoden" sitzt, also männlich dominiert wird, sieht man endlich mal vom anderen Ende her, dem des blutigen Anfängers und Amateurs und nicht des (potentiellen) Meisters. Umso blendender und schöner steigt es aus der Asche hervor. Das Schach selbst dient ohnehin nur als Vehikel, wenn auch omnipräsent, es hätte auch ein Instrument oder eine andere künstlerische Leidenschaft die Aufgabe erfüllen können, um zum grundstürzenden Schluss zu gelangen: "Ich spiele mit meinem Leben" – und das sowohl mit dem dies- als auch jenseitigen. So weit kann es reichen. Man könnte meinen, die deutsche jedoch französisch schreibende Autorin folgt ausgetretenen Pfaden, als sie das Mauerblümchen Eleni in Athen zum großen Schachturnier schickt, aber sie erspart uns die übliche Happy-End-Geschichte, wir werden nicht Zeuge eines grandiosen Sieges und all dem Wunderkindtheater aus unzähligen anderen Schachromanen, nein, dieses Buch endet auf einer wohltuenden bitteren Note, bleibt offen und nachdenklich bis zum Schluss. Ein sanftes Hohelied auf das Ungewöhnliche des Gewöhnlichen, ganz wie die Heldin: "Sie war trotz allem ziemlich unglaublich, diese ‚Putze’", ein Buch, das nicht zuletzt Frauen Mut machen soll und aus diesem Grund gerade den Männern ans Herz gelegt werden muss.

Bertina Henrichs: Die Schachspielerin. Hamburg 2006

 

 

--- Jörg Seidel, 22.09.2006 ---


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