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Bertina Henrichs: Die Schachspielerin
Nur das Schachbrett
ist wirklich.
Alles andere ist bloßer Schein.
Manchmal sind es die unscheinbaren Begebenheiten,
die kleinen Zufälle des Daseins, die einen Lebensweg
umbiegen, ein scheinbar unabänderliches Schicksal
ändern. Niemand wußte das besser als die
alten Griechen. So geschah es auch Eleni, einer unauffälligen,
ganz gewöhnlichen Frau, als sie beim Saubermachen
aus Versehen eine Schachfigur umstieß. Eleni ist
42, hat Mann und Kinder und es nie weiter gebracht als
zur "Putze" in einem Hotel auf der Sonneninsel
Naxos in Griechenland. Kinder versorgen, Essen kochen
und tagsüber 20 Räume, vierzig Betten und
achtzig Handtücher, so sieht ihr Alltag aus, aus
dem sie auch nicht ausbrechen will. Sie ist zufrieden!
Oder
doch nicht? Wie lässt sich denn erklären,
dass eine einzige umgestoßene Schachfigur das
Lebensgebäude zum Einsturz bringt? Sie kann doch
noch nicht einmal Schach spielen, weiß nicht mal,
wohin die Figur zu stellen ist. Und doch lässt
sie dieses Spiel nun nicht mehr los, instinktiv, wie
fast alles an ihr, fühlt sie sich zu ihm hingezogen,
schenkt es dem Ehemann zum Geburtstag, um selbst in
seine Geheimnisse einzutauchen. Das erweist sich als
zu schwer, immerhin hat sie seit 20 Jahren nicht mehr
richtig gedacht. Ihr alter Lehrer, der Dorfphilosoph
und Einzelgänger, hilft ihr und entdeckt bald eine
gewisse Begabung. Aber die neue Leidenschaft kollidiert
mit ihren alten Gewohnheiten: Bis hierher bestand ihr,
bestand aller "Leben aus Wiederholung mit Variationen.
Aber das Gleichbleibende überwog bei weitem die
Veränderung". Dass eine ganz normale Haus-
und Putzfrau sich plötzlich des Königlichen
Spiels annimmt, ist die unerhörte Begebenheit des
Büchleins, weniger ein Roman denn eine Novelle.
Daraus ergeben sich alle Verwicklungen, die Heimlichkeiten
vor dem Ehemann, die Entfremdung der Eheleute, die Eifersucht,
die Verunsicherung der Dorfgemeinde, die Entdeckung
der fast körperlichen Faszination des Schachs –
"Jedes Mal, wenn sich Eleni vor das Schachbrett
setzte und die beiden Armeen aufstellte, verspürte
sie ein Ziehen im Unterleib". Ja, Bertina Henrichs
hat ein sehr feminines Buch, an einigen Stellen sogar
ein feministisches geschrieben, dessen größte
Stärke in der Sophia, der weiblichen Weisheit liegt.
So unauffällig kommt sie daher, so defensiv, zurückhaltend,
weiblich eben, dass man sie sogar überlesen könnte,
wenn man nicht aufmerksam ist. Eleni selbst ist gar
nicht in der Lage ihre neuen Gefühle, sowohl das
Schach als auch ihr Frausein betreffend, zur Sprache
zu bringen, weshalb die Erzählerin in eintönigem
Redestrom diese Aufgabe übernimmt. Dabei geht sie
vielleicht ein, zwei Mal zu weit, hätte auf Vertiefungen
verzichten können, aber für eine literarische
Debütantin – sieht man von einigen Stilblüten
oder übersetzerischer Grobheiten ab – ist
das schon recht gut geschrieben. Es steckt etwas von
sapphischer Weisheit in diesem ruhigen Erzählstrom.
Bescheidenheit regiert auch auf der schachlichen Ebene,
denn das Königliche Spiel, dessen Genie "offenbar
irgendwo in den Hoden" sitzt, also männlich
dominiert wird, sieht man endlich mal vom anderen Ende
her, dem des blutigen Anfängers und Amateurs und
nicht des (potentiellen) Meisters. Umso blendender und
schöner steigt es aus der Asche hervor. Das Schach
selbst dient ohnehin nur als Vehikel, wenn auch omnipräsent,
es hätte auch ein Instrument oder eine andere künstlerische
Leidenschaft die Aufgabe erfüllen können,
um zum grundstürzenden Schluss zu gelangen: "Ich
spiele mit meinem Leben" – und das sowohl
mit dem dies- als auch jenseitigen. So weit kann es
reichen. Man könnte meinen, die deutsche jedoch
französisch schreibende Autorin folgt ausgetretenen
Pfaden, als sie das Mauerblümchen Eleni in Athen
zum großen Schachturnier schickt, aber sie erspart
uns die übliche Happy-End-Geschichte, wir werden
nicht Zeuge eines grandiosen Sieges und all dem Wunderkindtheater
aus unzähligen anderen Schachromanen, nein, dieses
Buch endet auf einer wohltuenden bitteren Note, bleibt
offen und nachdenklich bis zum Schluss. Ein sanftes
Hohelied auf das Ungewöhnliche des Gewöhnlichen,
ganz wie die Heldin: "Sie war trotz allem ziemlich
unglaublich, diese Putze", ein Buch,
das nicht zuletzt Frauen Mut machen soll und aus diesem
Grund gerade den Männern ans Herz gelegt werden
muss.
Bertina Henrichs: Die Schachspielerin.
Hamburg 2006
--- Jörg Seidel, 22.09.2006 ---
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