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Arturo Pérez-Reverte: La tabla de Flandes
DassArturo Pérez-Reverte in seiner
Heimat, in Spanien, ein Autor von unglaublicher Popularität
ist, läßt sich am repräsentativsten
Ort des Landes, im "El Corte Inglés"
leicht nachprüfen: meterlange Regale, dicht gestapelt,
viele seiner Werke in verschiedenen Editionen, vom Prachtband
bis zum Taschenbuch. Kein Cervantes, kein Borges, kein
Unamuno oder Garcia Márquez kann da mithalten.
Die Leute wollen Krimis, Detektivgeschichten, wollen
Abenteuer und Historienschwarten und Pérez-Reverte
befriedigt dieses Bedürfnis. Er kann das nur, so
zahlreich und über viele Jahre, weil seine Bücher
flüssig geschrieben sind und zudem über ein
gesundes Maß an Tiefgang und Hintergrund verfügen.
Nicht umsonst wird er immer wieder mit Umberto Eco verglichen.
Müßte man aber sein typischstes Werk benennen,
eines, das alle Stärken und Schwächen des
Autors vereint, dann fiele unweigerlich der Titel seines
wohl bekanntesten Bestsellers: "La tabla de Flandes".
Julia, die schöne Heldin der Geschichte,
ist eine angesehene Restaurateurin. Sie arbeitet an
der Erneuerung eines alten Gemäldes, "La partida
de ajedrez", "Die Schachpartie", des
flämischem Meisters Pieter van Huys, auf dem zwei
adlige Herren, in eine Partie vertieft, zu sehen sind,
im Hintergrund eine schwarz gekleidete Dame.

Dieses Gemälde
erscheint in der überaus schlechten Verfilmung
des Buches
Das Bild enthält ein Geheimnis,
einen übermalten Schriftzug, den erst eine Röntgenaufnahme
aus 500-jähriger Vergessenheit reißt: QUIS
NECAVIT EQUITEM – Wer tötete den Springer
(Reiter)? Das weckt gleich ein mehrfaches Interesse,
ein historisches, ein kriminalistisches – nachdem
klar wird, dasseiner der beiden Spieler seinerzeit tatsächlich
ermordet wurde, zudem ein Freund des Malers war –,
ein ästhetisches und nicht zuletzt ein ökonomisches,
denn ein solches Geheimnis, eine dunkle Geschichte,
kann den Wert des Bildes auf dem Auktionsmarkt immens
steigern. Man beginnt also die abgebildeten Personen
unter die geschichtswissenschaftliche Lupe zu nehmen.
Streit und Zwist, Eifersucht und Affären, politische
Intrigen und Machtgeklüngel werden bald sichtbar
und nicht nur auf der Bild-, sondern auch auf der Betrachterebene.
Interessenkonflikte entstehen. Schließlich wird
der Schlüssel zum Problem immer mehr als internes
Schachproblem ausgemacht. Man wendet sich der abgebildeten,
hochkomplexen, studienartigen Stellung zu,

man konsultiert einen begnadeten Schachspieler,
der in die Welt der Kunsthändler, -historiker und
-liebhaber eine neue menschliche Seite einbringt und
der auch mal über die Vor- und Nachteile von Karo
Cann oder Königsindisch was zu sagen hat. Muñoz
ist genial, aber anders; da ist es wieder, das so häufig
kolportierte Schachspielerklischee:
"...daba la impresión de
no ser sino lo que era: un oscuro oficinista, cuya única
fuga de la mediocridad era el mundo de combinaciones,
problemas y soluciones que el ajedrez podía ofrecerle"
(192) [1].
(...er machte den Eindruck, das zu sein,
was er war: ein obskurer Büromensch, dessen einzige
Fluchtmöglichkeit vor der Mittelmäßigkeit
die Welt der Kombinationen, Probleme und Lösungen
war, das, was ihm das Schach bieten konnte.)
Aber, das darf man schon vorweg nehmen,
es zeichnet dieses Buch aus, dabei nicht stehen zu bleiben.
Muñoz jedenfalls agiert von nun an als Sherlock
Holmes: kühl, logisch, unbestechlich im Urteil.
Wie er in einer seitenlangen Retroanalyse die letzten
beiden Züge in dieser waghalsigen Partie rekonstruiert,
das ist schlicht und einfach großartig, spannend
wie ein Thriller (133-146)!!
Bis dahin hätte man glauben können,
die unterschwellige Gefahr der Geschichte läge
im Bild selbst begründet und wird sich seines Irrtums
erst bewußt, als die Leiche von Julias ehemaligem
Geliebten und Kunstprofessor gefunden wird. Damit tritt
eine äußere Macht, ein vierter Spieler in
die Partie ein, als gäbe es nicht schon genug Rätsel
zu lösen. Auch für das Schach bedeutet das
eine neue Qualität, das Spiel geht weiter, die
Partie läßt sich nicht nur in ihrem Herkommen,
sondern auch in ihrem weiteren Verlauf behandeln. Es
folgt ein Lesefest für alle Schachliebhaber; ob
Unbedarfte dem Geschehen folgen können oder wollen,
steht auf einem anderen Blatt. Für jene dürften
zumindest die zahlreichen schachpsychologischen Referenzen
neu und lesenswert sein. Für uns, die wir von Freud,
Fine und Jones, von Königsmord, Penisneid, von
Kriegssubstitut (221) oder von all den symbolischen
Bedeutungen der Figuren (223), von unterschwelliger
Homosexualität im Ringen zweier Männeregos,
von Narzissmus und sublimierten Masturbationsphantasien
(387), von Aggressionsabfuhr oder der therapeutischen
Wirkung (213) des Schachs und all den anderen alten
Kamellen oft genug gehört haben, bieten diese Stellen
höchstens Wiedersehensfreude, aber was sie und
andere Aussagen darüber hinaus leisten, ist die
innere Macht, die Faszination des Spiels anzudeuten.
Das ist, in derart überzeugender Weise, bislang
nur ganz wenigen und nur erstrangigen Künstlern
gelungen und diesbezüglich steht Pérez-Reverte
nicht weit hinter Zweig, Nabokow und Icchokas zurück.
Dabei scheut er auch nicht, in noch immer aktuelle Diskussionen,
mitunter sogar mit originellen Beiträgen, einzugreifen,
etwa wenn er die alte Streitfrage nach dem Zusammenhang
von Stil und Charakter in eine von Idiosynkrasien des
Spielers und Charakter umformuliert, was durchaus nicht
das gleiche ist. Demnach könne man auf Charaktereigenschaften
weniger aus dem jeweiligen Zug als aus dem aktuellen
Verhalten am Brett schließen (216). Ansonsten
wird fast der ganze Kanon abgespult, vom Frauenschach
bis zum Computerschach. Man kann dies als Zuviel bedauern
oder aber als Kurzlehrgang in die Problemgeschichte
des Schachs bejahen.
Wie dem auch sei, naturgemäß
liegt die schriftstellerische Aufmerksamkeit mehr bei
der psychologischen Auslotung der Handelnden; sie gelangt
in tiefe tiefe Abgründe hinab. Schließlich
verstricken sie sich so sehr ins Geschehen, daß
die Grenzen zwischen Realität und Spiel verschwimmen
und die Welt selbst als Schachspiel erscheint:
"... está jugando una insensata
partida de ajedrez... Una partida en la que no sólo
yo, sino nosotros, todos nosotros, somos piezas... ¿Es
cierto?" (225).
(...er spielt eine wahnsinnige Partie
Schach... Eine Partie, in der nicht nur ich, sondern
wir, wir alle, Figuren sind... Ist das klar?)
Fast nebenbei entdecken sie die quasi
mystische Komponente des Spiels.
"... Julia supo con exactitud perfecta
lo que significaba para aquel hombre el pequeño
rincón de sesenta y cuatro escaques blancos y
negros: el campo de batalla en miniatura donde se desarrollaba
el mistero mismo de la vida, del éxito y del
fracaso, de las fuerzas terribles y occultas que gobiernan
el destino de los hombres" (195, vgl. auch 200,
200 u.a.).
(...Julia verstand sehr genau, was das
kleine Feld von 64 schwarzen und weißen Feldern
für jenen Mann bedeutete: ein Schlachtfeld in Miniatur,
wo sich das Geheimnis des Lebens selbst offenbarte,
des Erfolgs und Mißerfolgs, der schrecklichen
und verborgenen Kräfte, die das Schicksal des Menschen
regieren.)
Das ist, ohne Übertreibung, ein
wahres Hohelied auf das Schachspiel und zugleich eine
Warnung davor; es strahlt die dauerhafte Faszination
des Feuers aus, mit dem man nicht leichtfertig spielen
soll.
Wahre Größe erlangt das Buch spätestens,
als der überführte Täter mit verächtlicher
Geste diesen Schachtraum zerplatzen läßt
wie eine Seifenblase und alles ad absurdum führt:
"¿Ajedrez?... Mi queridísimo
amigo. Yo me refería a algo más que a
un simple tablero. ... Yo me refería a la vida
misma, a esos otros sesenta y cuatro escaques de negras
noches y de blancos días de los hablaba el poeta...
o tal vez sea al revés: de blancas noches y de
negros días (360).
(Schach?...Verkehrtester Freund. Ich
bezog mich auf etwas ganz anderes als auf ein simples
Schachbrett. Ich bezog mich auf das Leben höchstselbst,
auf jene anderen 64 Felder von schwarzen Nächten
und weißen Tagen, von denen der Dichter sprach...
oder vielleicht auch anders herum: von weißen
Nächten und schwarzen Tagen.)
Das stellt die Verhältnisse wieder
her, ist eine Art Entzauberung oder Verfremdung, für
all jene zumindest, die sich haben gehen lassen. Nicht
nur in solchen Momenten zeigen sich wohldurchdachte
Philosopheme, an zahlreichen Stellen werden direkt Fragen
nach Wahrheit, Wahrnehmung, Realität, Simulation,
Urteil etc. thematisiert, ja man kann sogar soweit gehen,
eine Art kleine Hemeneutikschule auszumachen. Bild und
Schachpartie werden in immer neuen Anläufen vertiefend
betrachtet und enthüllen jedesmal neue Elemente.
Auch aufs Schach bezogen findet Pérez-Reverte
zu einer schlüssigen metaphysischen Formel: Das
Problem des modernen Schachs ist das Problem des modernen
Lebens.
"Sobre todo, en último término,
la humillación de la derrota inmerecida, el premio
a quienes nada arriesgan; ésa era la sensación
que experimentaba en aquel momento, ante el tablero
que no contenía sólo un estúpido
juego de posiciones, sino que era el espejo de la vida
misma, con carne y sangre, y vida y muerte, y heroísmo
y sacrificio" (369).
(Was blieb war am Ende die Erniedrigung
einer unverdienten Niederlage. Den Preis gewannen diejenigen,
die nichts riskierten. Das war die Empfindung während
jenes Momentes am Schachbrett, das nicht nur ein dummes
Positionsspiel enthielt, sondern das als Spiegel des
Lebens fungierte, von Fleisch und Blut, Leben und Tod,
Heldentum und Opfer.)

Als Schriftsteller beweist er ein beneidenswert
gutes Empfinden für Geschwindigkeit und Rhythmus;
Spannung und Entspannung wechseln gekonnt ab und lassen
Langeweile nie aufkommen. Das soll über gewisse
Konstruktionsfehler nicht hinwegtäuschen. So ist
die Komplexität der Handlung mitunter zu konstruiert,
ja sie muß sogar direkt benannt werden um überzeugen
zu können (174ff, 225). Das ist selbstredend ein
Eingeständnis des Autors mit der Fülle des
Stoffs gelegentlich überfordert gewesen zu sein
und wahrscheinlich unterscheidet er sich hier am deutlichsten
vom Meistererzähler Eco. Ein wirkliches Labyrinth
– so lautete Ecos Imperativ für das Genre
– will es nicht werden und erst recht kein Rhizom.
Erst im Nachhinein merkt man, daß viele Ingredienzen
zur Gesamtkomposition nichts beitragen und also entbehrlich
scheinen. Die innere Geschichte des Gemäldes verliert
sich zunehmend sogar vollends, wirkt abschließend
nur ornamental. Zudem ist die Täteridentität
aus irgendeinem unerfindlichen Grunde von Anfang an
voraussehbar. Gegen diese Hauptschwächen sind die
gelegentlichen Verfehlungen im Ton, die zwei, drei überflüssigen
Unappetitlichkeiten ebenso vernachlässigenswert
wie die kleinen schachlichen Inkorrektheiten (etwas
wenn Vera Menchik als sowjetische Spielerin erscheint
oder vom Doppelschach gegen König und Dame die
Rede ist). Die Datierung des Gemäldes scheint manchmal
um 150 Jahre verfehlt zu sein, wenn man sich mutmaßliche
künstlerische Vorlagen wie Lucas van Leydens "Schachpartie"
oder Jacob van der Heydens Kupferstich aus dem Selenus
vergegenwärtigt. Und weshalb Julia ständig
rauchen muß, selbst während der Arbeit, bleibt
auch ein Rätsel.
Aus seinen Vorbildern macht Pérez-Reverte
keinen Hehl: Conan Doyle hat er die detektivische Klarheit
und Attitüde zu danken, Agatha Christie den klassischen
Aufbau und die Schlußszene, Douglas Hofstätter
jede Menge Einfälle und Velázquez wesentliche
Bildideen.
Das alles schmälert die Leistung
des Buches kaum. Diese Art Literatur will nicht den
Nobelpreis gewinnen. Man muß die Latte nicht ganz
so hoch anlegen. Wenn das Erzählrad auch nicht
an allen Stellen richtig ausgewuchtet ist, so dreht
es sich doch ohne zu stocken.
"La tabla de Flandes" ist ein
sehr lesenswertes, spannendes und informatives Buch,
eines, das durchaus höheren literarischen Ansprüchen
genügt und das man im engen Feld der Schachliteratur
ganz weit oben ansiedeln mus!
P.S. Die z.T. herbe Kritik an der deutschen
Ausgabe kann ich nicht verstehen, es sei denn –
aber diesen Verdacht kann man nicht ungeprüft aussprechen
– es liegt an der deutschen Ausgabe. Dann bliebe
noch immer das Ausweichen auf die englische Version
("The Flanders Panel". London 1994) von der
gefeierten Übersetzerin Jull Costa, die sich nachgewiesenermaßen
tatsächlich flüssig liest, weil gekonnt idiomatisch
und nicht wortwörtlich übertragen wurde.

Arturo Pérez-Reverte: La
tabla de Flandes. Barcelona 2004 (1990). 413 Seiten
--- Jörg Seidel, 09.02.2005 ---
[1]
alle Übersetzungen sinngemäß von J.S.
Dieser Text ist geistiges Eigentum von
Jörg Seidel und darf ohne seine schriftliche Zustimmung
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