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Bobby Fischer Goes To War. The True Story?
Euwe thought
the best thing about the match was that it was over.
Lothar Schmid [1]
Jedes Jahr, das ist im Schachbuchbereich
nicht anders als im Film, bringt ein Oscar gekröntes,
ein "bestes Werk hervor. Der beste Film muss
kein guter sein – nur die Abwesenheit eines wirklich
guten Films oder einer wirklich guten Jury kann den
Skandalerfolg von "Herr der Ringe" in Hollywood
erklären – und auch über den Vorjahressieger
auf dem Schachmarkt, Kasparows "My Great Predecessors"
streiten sich die Experten. Glaubt man den ersten Expertisen
über das erst kürzlich erschienene Buch "Bobby
Fischer goes to war. The true story of how the Soviets
lost the most extraordinary chess match of all time",
so liegt ein neuer ernsthafter Herausforderer für
den diesjährigen Schach-Oscar bereits vor [2]
und spätestens seit Geuzendams "Linares!
Linares!" und Sosonkos Doppelpack "Russian
Silhouettes"/"The Reliable Past" weiß
man, dass der ansonsten übersatte Schachmarkt noch
ein Plätzchen frei hat für journalistisch
oder essayistisch aufgearbeitete Historie [3].
Exakt auf diesen Markt preschen David Edmonds und John
Eidinow, zwei BBC-Journalisten, indem sie unter reißerischem
und leider leicht irreführendem Titel die alte
Mär von der Jahrhundert-WM neu erzählen.

Sie legen die Messlatte hoch: die wahre
Geschichte soll es sein und nichts weniger. Aber ist
nicht alles über das Schachmatch gesagt,
haben nicht zahlreiche Autoren analysiert (Gligoric,
Golombek, Alexander, Evans/Smith usw.) und präanalysiert
(Varnusz/Florian) und reanalysiert (Euwe/Timman), hat
man nicht Fischer und Spassky schon treffend charakterisiert
(George Steiner),
sogar psychoanalysiert (Fine), hat man den enigmatischen
Fischer nicht schon ausführlich biographisiert
(Brady) und sogar literarisiert (Waitzkin) oder seine
Geschichte vertont (Andersson/Rice) und hat man nicht
genügend über ihn, sein Verweilen, sein Verhalten
spekuliert und selbst die Sterne befragt (Kraushaar)?
Was also soll es da noch zu erzählen geben? Die
wahre Geschichte eben, endlich die Wahrheit!
Mit der Wahrheit jedoch, der historischen
zumal, ist es ein eigen Ding. Sie setzt ein doppeltes
exaktes Wissen voraus, das der Vergangenheit und –
noch viel wichtiger – das der Zukunft! Die meisten
Historiker leiden unter dem Trugschluss, sie in der
Vergangenheit finden zu können, die Wahrheit, mithilfe
noch besserer Recherchen, noch tieferer Grabungen, noch
genauerer Rekonstruktionen etc., dabei liegt das eigentliche,
das unlösbare Problem in der anderen Richtung.
Was nämlich etwas war, hängt davon ab, was
es gewesen sein wird, und lässt sich erst dann
sagen, wenn die Geschichte beendet ist [4].
Auch die beiden Journalisten beanspruchen
neues Material freigelegt zu haben, vor allem hatten
sie erstmals Einblick in KGB-Akten. Sie dürfen
auch in Anspruch nehmen, dass die Geschichte des Ostblocks,
die Geschichte des Kalten Krieges, die in den Verwirrungen
um Fischer und Spassky mehr als virulent war, wenn schon
nicht beendet, so doch zumindest durch eine entscheidende
Zäsur neu erzählbar geworden ist. Zudem stellt
die Affäre einen Kulminationspunkt dar, man kann
sie wie einen Mikrokosmos entziffern und die kleinen
wie die großen Zusammenhänge exemplarisch
aufzeigen. Gute Gründe also, es zu tun.
Sie nutzen dafür ein erprobtes Erfolgsrezept,
eine Mixtur aus peinlicher Exaktheit – "Robert
J. Fischer was born to a life of chess at 2.39 p.m.
on 9 March 1943 in Chicago" -, aus historischer
und soziokultureller Einordnung und einer ganzen Anzahl
von Exkursen (über Dostojewski, Spieltheorie, Schach
und Musik/Wahnsinn/Mathematik
u.a.). Ob das beim
Leser ankommt, hängt von dessen Gusto ab; man mag
die Uhrzeitgenauigkeit als Akkuratesse feiern oder als
Ballast verdammen, man mag ein Buch über Dostojewski
vorziehen wollen und auch die historischen Hintergründe
kann man als farbtupferischen Horizont oder hausbackenen
Akademismus empfinden. Unabhängig vom Geschmacksurteil
kann man sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren,
dass unnötiges Material stolz präsentiert
wird, um Recherchetiefe und Wissensüberhang sichtbar
zu machen. An wesentlichen Einsichten allerdings wird
nicht viel Neues geboten und selbst was man aus KGB-Archiven
oder Gesprächen mit einst involvierten Altkommunisten
erfährt, ist weniger neu als zum ersten Mal konkret.
Um als Essay funktionieren zu können, sind derartige
Passagen oft zu lang und detailliert; man liest und
vergisst es sogleich. Höchstens ein paar Verschwörungstheoretiker
im Rochade-Umfeld
werden aus dieser trockenen Materie frischen Saft für
Gerüchte und Vermutungen ziehen.

Fischer – Spassky
(Reykjavík, 1972)
(Foto: http://bobbyfischer.net/)
Trotz allem kommt man nicht umhin, einige
Schlussfolgerungen aus der Lektüre zu ziehen. So
wird dem Leser des biographischen Teils deutlich, dass
Fischer wohl nie den allgemeinen Wirklichkeitsbegriff
mit seinen Mitmenschen teilte, dass er von Beginn an
unter einem gewissen Realitätsverlust litt. Denken
von abstrakten Differenzen war ihm unmöglich, weshalb
rhetorische Figuren seinen Horizont ebenso überschritten
wie der Gedanke des Kompromisses, der Diplomatie und
selbst die einfachste Witzpointe blieb ihm – wie
einem sechsjährigen Kind – verborgen (Um Fischer
zu verstehen, muss man wahrscheinlich Piaget studieren
und nicht Freud).
Es wird klar, dass Spassky viel mehr
von der Geschichte und Gesellschaft geprägt wurde
als sein amerikanischer Kontrahent, dessen Probleme
subjektiver Natur sind. Wenn es noch etwas aufzuklären
gäbe, dann vielleicht Fischers soziale Determination
– inwieweit ist die amerikanische Gesellschaft
(mit)verantwortlich für Fischers Idiosynkrasien
und komplementär dazu wäre auch die ultimative
Psychogenese Spasskys zu schreiben – vorausgesetzt
sie biete mitteilenswerte Einsichten, "normal"
wie er war. Schon immer widmete man Spasskys politischer
Einstellung mehr Raum, während Fischer ein psychologisches
Interesse weckt.
Man bekommt gute Einsicht in die bürokratischen
Prozesse des Sowjetschachs und sieht vor allem, dass
die sogenannte und achso effiziente "Schachmaschine"
dem Spieler oftmals eher Knüppel zwischen die Beine
warf, anstatt behilflich zu sein.
Den isländischen Belangen wird verhältnismäßig
viel Raum gewidmet, die Isländer kommen von allen
am besten weg (wenn das Buch in mir etwas bewirkt hat,
dann ein erneutes Interesse für diese außergewöhnliche
Insel, ihre Menschen, ihre Natur, ihre einmalige Literatur).
Vor allem aber wird einmal mehr klar
– man kann da im Übrigen lesen, was man will,
pro- und contra Fischer –: einen Weltmeister Fischer
hätte es nie geben dürfen! Der größte
Skandal der ganzen Affäre ist nicht sein unerhörtes
und unbegreifliches Benehmen, sondern dass es trotzdem
zu diesem Wettkampf kam und damit das Fehlverhalten
eines Mannes, der Hunderten öffentlich ins Gesicht
schlug, letztlich gerechtfertigt und belohnt wurde!
Und was hätten wir, aus rein schachlicher Perspektive,
denn verloren? Neben zwei, drei erstklassigen Spielen,
einen Anfängerfehler des vermeintlich besten Spielers
der Welt, eine nichtausgetragene Partie und fünf
schwere Patzer des Weltmeisters, die einen ästhetischen
Genuss empfindlich stören müssen.
Dahinter verbirgt sich das ganze Dilemma
der Geschichtsschreibung, dass sie sich nicht schreiben
lässt ohne das akkurate Wissen um die Zukunft.
So gesehen könnten sich Euwes, Schmids und Slaters
vielgelobte Rettungsversuche als historische Fehler
entpuppen und Spasskys bemerkenswerter Stoizismus als
Dummheit universalen Ausmaßes, spätestens
als er vor der dritten Partie den Raumwechsel zulässt.
Schmid entwickelte ein diplomatisches Gespür, als
ginge es darum den dritten Weltkrieg zu verhindern,
nur um ein "Genie nicht zu zerstören",
das sich zwanzig Schachpartien später selbst abschaffte.
Vielleicht hat Fischer nur den Stand des Asozialen auf
den Schachthron gehoben, zumindest aber den Wahlspruch
der FIDE und der internationalen Schachkommune –
gens una sumus – ad absurdum [5] geführt: wir
sind alle eine Familie – außer Bobby Fischer!
Das scheint der wahre Grund des Fischermythos zu sein:
nicht sein Schachkönnen, sondern, bewusst oder
unbewusst, sein PR-Genie in eigener Sache.
Am Ende ist es die Crux des Geschichtsschreibens
schlechthin. Es gibt immer nur Meinungen, Wahrnehmungen,
aber keine Wahrheit. Auch dies hier ist nicht "the
true story", selbst wenn alles in ihr wahr wäre.
Nichtsdestotrotz, auch dieses Buch könnte
das beste des Jahres werden
David Edmonds and John Eidinow:
Bobby Fischer Goes to War. The True Story of How the
Soviets Lost the Most Extraordinary Chess Match of All
Times. London 2004. 302 Seiten
--- Jörg Seidel, 10.03.2004 ---
Mehr zum Kampf des Jahrhunderts z.B.
auf den Seiten von Mark Weeks:
http://www.mark-weeks.com/chess/72fs$$.htm
[1]
In: Edmonds/Eidinow. S. 247
[2] Gareth Williams hält
es für ein "excellent and enthralling tale",
ein "thoroughly engrossing, gripping and ful-filling
read"; Daniel King sekundiert und sieht darin "the
definitive account of the 1972 world title match (beide
in Chess, March 2004); nicht ganz so euphorische aber
meist positive Besprechungen gibt es unter:
http://books.guardian.co.uk/reviews/history/0,6121,1135340,00.html
http://www.davidhigham.co.uk/html/Titles/Bobby_Fischer_Goes_To_War
http://enjoyment.independent.co.uk/low_res/story.jsp?story=490738&host=5&dir=207
http://www.iht.com/articles/508962.html
http://news.scotsman.com/features.cfm?id=60972004
http://www.telegraph.co.uk/arts/main.jhtml?xml=/arts/2004/01/11/boedm11.xml
&sSheet=/arts/2004/01/11/bomain.html
[3] vgl. NIC Bestseller-Liste,
wo das Buch gleich auf Platz 3 durchgestartet ist: http://www.newinchess.com/Shop/Default.aspx
[4] vgl. dazu den einleitenden
Teil von: Geschichte des deutschen
Arbeiterschach. Und ausführlicher: Jörg
Seidel: Ondologie Fanomenologie Kynethik. Essen
1999. S. 43 - 50
[5] was er im Übrigen
ohnehin ist: absurd! Ausgerechnet Schachspieler!
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Jörg Seidel und darf ohne seine schriftliche Zustimmung
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